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Dein Name in Gold


Anne saß am Frühstückstisch, aß ihre Cornflakes und las die Aufschrift auf der Packung, die vor ihr stand. „Leckere Cornflakes – Das Superangebot!“, war dort zu lesen. „Informieren Sie sich auf der Rückseite über die Einzelheiten.“
Annes ältere Schwester Mary saß ihr gegenüber und las die andere Seite der Cornflakespackung. „Hey, Anne“, sagte sie, „hör dir dieses tolle Angebot an – dein Name in Gold.“
Als Mary weiterlas, wurde Annes Interesse an dem Angebot immer größer. „Sende nur einen Dollar zusammen mit dem Verkaufssiegel dieser Verpackung ein, und trage deinen Vornamen in die dafür vorgesehen Kästchen ein. Dann erhältst du eine besondere Anstecknadel, auf der dein Name in Gold steht (pro Familie bitte nur eine Zuschrift).“
Anne nahm die Verpackung und schaute sich die Rückseite an, ihre Augen leuchteten vor Aufregung. „Das ist eine tolle Idee“, sagte sie. „Ein Anstecker mit meinem eigenen Namen in Goldbuchstaben. Ich werde mitmachen.“
„Tut mir Leid, Anne, ich habe es zuerst entdeckt“, sagte Mary, „also steht es mir zu. Außerdem hast du keinen Dollar zum Einsenden, ich aber schon.“
„Aber ich möchte so gerne eine solche Anstecknadel haben“, erwiderte Anne. „Lass mich sie bitte haben.“
„Keine Chance“, sagte ihre Schwester.
„Du setzt deinen Kopf immer durch – nur weil du älter bist als ich“, meinte Anne. Ihre Unterlippe zitterte, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. „Mach weiter so und schick es ab. Ist mir doch egal!“ Sie warf ihren Löffel hin und rannte aus der Küche hinaus.
Mehrere Wochen vergingen. Eines Tages brachte der Briefträger ein kleines Päckchen für Mary. Anne konnte es kaum erwarten, die Anstecknadel zu sehen, doch sie wollte sich Mary gegenüber nichts davon anmerken lassen. Mary nahm das Päckchen mit in ihr Zimmer. Anne folgte ihr wie zufällig und setzte sich auf ihr Bett.
„Ich nehme an, sie haben dir deine Anstecknadel geschickt. Ich hoffe natürlich, dass sie dir gefällt“, sagte Anne mit einem gemeinen Unterton in der Stimme. Mary wickelte das Päckchen langsam aus. Sie öffnete eine kleine weiße Schachtel und lüftete vorsichtig die obere Schicht weißer Watte. „Oh, sie ist wunderschön!“, sagte Mary. „Genau wie es auf der Cornflakespackung stand, dein Name in Gold. Vier wunderschöne Buchstaben. Möchtest du sie sehen, Anne?“
„Nein, mir ist deine alberne Anstecknadel völlig egal.“
Mary verstaute die weiße Schachtel in ihrem Kleiderschrank und ging hinunter. Anne blieb allein im Schlafzimmer zurück. Bald konnte sie nicht mehr länger warten, also ging sie zum Kleiderschrank. Als sie in die kleine weiße Schachtel schaute, schnappte sie nach Luft. Gemischte Gefühle der Liebe zu ihrer Schwester und der Scham über sich selbst stiegen in ihr auf, und die Anstecknadel schimmerte in glänzendem Gold durch ihre Tränen hindurch.
Dort auf der Anstecknadel standen vier wunderschöne Buchstaben – ihr Name in Gold:
A – N – N – E.

Aus Jack Canfield, Mark Victor Hansen: Hühnersuppe für die Seele für Kinder. © 2001 Arkana Verlag, München, Übersetzung Gabriele Räbiger